childhood

Broove - Heartbeats


Und dann sitzt man wieder am Anfang. Dort, wo man eigentlich längst gewesen ist. Viele Male.

Die Tage werden länger, es schwankt zwischen wunderschönem Sonnenschein und tristen Alltagsgrau. Zeitweise ist es aber immer noch viel zu kalt. Worte finde ich nicht, Gedanken habe ich schon woanders gelassen. Aber ich würde gerne schreiben. So belanglos das auch sein mag. Es dauert gar nicht mehr lange und dann bin ich seit einem Jahr hier. Ein ganzes Jahr. Wenn ich zurück denke, ist ein Jahr so wenig. Doch wieviel kann in einem Jahr passieren? Mein Leben hat sich absolut verändert, in jeder Hinsicht. Ich habe auch das Gefühl, dass ich mich sehr verändert habe. Vorhin in der Schule habe ich versucht mir vorzustellen, wie ich vor knapp 5 Jahren gewesen bin. Bevor ich in Prag war, bevor ich überhaupt ahnen konnte, dass ich jemals umziehen würde. Ich war wie jeder andere auch. Ein normales, dreizehnjähriges Mädchen mit normalen Freunden (zumindest teils) und einer wunderbaren Familie. Mein Leben war ordentlich. Ich kam von der Schule nach Hause, es gab Mittagessen, ich machte Hausaufgaben, traf mich mit Freunden. Ungefähr so war mein Tagesablauf. Jedes Mal. Immer wieder.
Und dann kam dieser eine Tage, den ich sicherlich nie vergessen werde. Es war der Tag an dem der erste Schritt in ein ganz anderes, viel unsichereres Leben getan werden wollte. Ich weiß noch, dass es spät war. Vielleicht 22 Uhr und meine Eltern saßen im offenen Wintergarten, der Grill war an. Es war Anfang Sommer. Und dann kam dieser eine Satz. "Könntest du dir vorstellen ins Ausland zu ziehen?" Konnte ich es? Ja. Nein. Vielleicht. Ich konnte es, doch es war nicht greifbar. Es war wie ein Gedanke, den man nicht fortführen würde. Und ich dachte wirklich, dass es nur eine einmalige Idee war, nichts, was man umsetzen würde. Doch die Gespräche lenkten immer wieder zu diesem Thema. Ausland. Umzug. Bald wurden Unterlagen gekauft. Türkei. Unvorstellbar. Ich? Woanders als in Braunschweig? Der Stadt, in der im Grunde mein ganzes Leben stattgefunden hatte? Es war wirklich nichts, dem ich absolut abgeneigt war, es war nur so unglaublich. So weit weg. Ich konnte mir nicht vorstellen in einem Land zu wohnen, in dem man meine Sprache nicht sprechen würde. In dem die Menschen anders sein würden. Ein Land, in dem ich fremd sein würde. Ein Ausländer. Tschechien kam mit in die Auswahl. Die goldene Stadt. Prag. Ich weiß nicht, warum es letztendlich Prag wurde und wenn mir heute die Frage gestellt wird, warum ich nach Prag gezogen bin, sage ich immer: "Weil mein Vater dort gearbeitet hat.", doch eigentlich stimmt das nicht. Wir sind nicht hauptsächlich wegen der Arbeit meines Vaters nach Prag gezogen. Wir sind nach Prag gezogen, weil meine Eltern uns etwas ermöglichen wollten. Sie wollten uns von dieser stetigen Ordnung lösen, sie wollte uns etwas Neues zeigen, etwas, dass wir nicht kannten. Sie wollten, dass wir uns der Fremde stellen. Ich weiß noch, wie ich das erste Mal in Prag war. Wie anders ich war. Ich, umringt von dieser Größe. Ich hatte 13 Jahre in einem Kuhkaff verbracht und stand nun in einer Weltmetropole.
Wenn ich heute nur an meine erste Zeit in dieser Stadt denke, macht mich das irgendwie stolz. Ich war zwar fremd und klein, anders, manchmal hilflos, aber Prag gehörte mir auf eine kleine, bestimmte Weise. Ich war dort zu Hause. 3 1/2 Jahre nannte ich die goldene Stadt meine Heimat und auf eine gewisse Art ist sie das heute noch. Und dann veränderte sich mein Lebensstil und alles, was damit zusammen hängt wieder. Nach diesem unsicheren Leben, dieser Freiheit, die man eben fühlt, wenn man durch die Straßen einer Großstadt marschiert hat sich nun wieder etwas neues eingeschlichen. Ich bin neu, wieder jemand anderes. Manchmal kommt es mir so vor, als hätte ich bisher bereits 3 Leben gelebt. Das eine in Braunschweig, das andere in Prag und das dritte lebe ich noch immer, hier in MG. Ich bin gespannt darauf, wie mein Leben in ein paar Jahren aussehen wird. Was ich wie verändere und warum. Die Spur, die ich hinterlassen habe ist ein einziges Labyrinth. Und außer den wenigen Irrwegen, die ich gegangen bin, liebe ich diese Spur.

4.5.10 21:38


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