childhood

Vom Meer der Zukunft und vom Strand der Vergangenheit.



Ich stehe knietief in einem Meer. Ich bin noch am Ufer, aber je mehr ich in das kühle Wasser wate, desto tiefer nimmt es mich mit und lockt mich vom sicheren Land. Vorn am Ufer ist das Wasser glasklar und ich sehe die kleinen Fische, die meine Knöchel umkreisen. Bunte Muscheln liegen auf dem Grund und flüstern mir Geschichten von den Untiefen der See zu. Je weiter ich blicke, desto schmutziger und undurchsehbarer wird das Meer. Blickt man in die Ferne sieht es türkis aus und die Sonne wirft Glitzersteinchen auf die Wellen. Doch wenn ich ein paar Meter voraus sehe, kann ich die Muscheln und Fische nicht mehr erkennen. Das Wasser ist trüb und wird immer kälter. Eine Welle rauscht auf mich zu und bricht sich an meinem Bauch. Es ist kalt. Der Wind pfeift durch mein Haar und der Duft nach Salz und Fisch liegt in der Luft. Es ist ein frischer Duft, der meine Nase und die Lungen frei macht. Aber die Luft ist auch kühl und jagt mir eine Gänsehaut über den gesamten Körper. Die Wellen lecken an der Küste und an mir und ziehen mich weiter in die endlose See. Inzwischen stehe ich bis zu den Hüften im Wasser, denn egal, wie sehr ich es mir auch wünsche - anhalten kann ich doch nicht. Dafür lockt die Verheißung von Freiheit viel zu sehr. Möwen jagen über mir hinweg und kreischen laut. Das Donnern des Meeres können sie nicht übertönen, aber sie fügen sich perfekt in das Bild. Sie gehören hierher. Ich beobachte, wie eine auf das Wasser zustürzt und mit einem Fisch im Schnabel wieder hinauf fliegt. Ich sehe an mir herab. Ich bin klatschnass und friere. Meine Füße kann ich nicht mehr sehen, aber ich spüre, wie sie eine Mischung aus glitschigen Algen, kaltem Sand und rauen Steinen berühren und wie ab und zu etwas mein Bein streift, was sich unheimlich und zugleich faszinierend anfühlt. Bald kann ich nicht mehr stehen. Ich drehe mich um und sehe zum Strand, wo die Menschen sind, die ich liebe. Sie stehen dort und winken mir zu, muntern mich auf weiterzugehen. Ich weiß, dass ich muss, aber am liebsten würde ich umkehren und mich an die Beine meiner Mutter klammern, um wieder sicher zu sein. Hier ist es ungewiss, kalt und fremd. Und gleichzeitig wispern die Wellen von Freiheit und Verantwortung, von Gefahr und Freude. Es ist ein einziger Zwiespalt. Ich mache noch einen Schritt vorwärts, spüre wie mein Körper langsam von den Wellen getragen wird. Ich mache ein paar Schwimmzüge und merke, wie müde ich werde. Aber ich muss weiter. Das Meer ist wütend, die Wellen wollen mich verschlingen, ziehen mich herab. Aber ich schwimme. Weiter und weiter und bald sehe das Ufer nicht mehr. Nur noch die Ahnung der Menschen, die dort warten und da sind, wenn ich eine Verschnaufspause brauche. Wenn mir die See zu trügerisch und die Wellen zu launisch werden. Ich kann zurückschwimmen. Aber egal, was ich tu, ich muss immer wieder zurück ins Meer, gegen die Wellen ankämpfen und meinen Weg schwimmen. Und ich weiß, dass die anderen Wellen meine Lieben mit sich nehmen, dass sie neben mir, vor mir oder hinter mir sind, auch wenn ich nur manchmal einen Kopf im Wasser erahnen kann. Das Meer ist voller Launen, Träume und Freiheit. Genau, wie ich und wie das Leben. Ich gehöre hierher, aber eigentlich auch nicht.
18.6.12 13:01


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