childhood

Bahnhofsmelancholie



Bahnhöfe sind Orte ohne Zeit. So lange man in dem Gewirr von Menschen, kaltem Wind und warmen Kaffeebechern verloren ist, steht auch die Zeit vollkommen still. Dass es außerhalb dieser eigenständigen Welt überhaupt vorangeht, merkt man lediglich dann, wenn ein Zug einfährt und noch mehr kalten Wind mit sich bringt. An diesem skurrilen Ort, an dem jeder Mensch so völlig gleich ist, weil ein jeder ein und dasselbe tut - nämlich warten -, ist man in einer Blase aus Geborgenheit gefangen, wenn man morgens in dem kleinen Klecks aus Herbstsonnenschein sitzt, den dampfenden Becher Kaffee in der Hand und das Geräusch ein- und anfahrender Züge in den Ohren. Wenn um einen herum Menschen ihren Zug verpassen, die stetige Ansage eines einfahrenden Zuges erklingt und der eher seltene Ausruf, man solle auf sein Gepäck aufpassen, dann sitze ich da und bin in dieser zeitlosen Welt gefangen, die gleichzeitig so rastlos ist. Ein Bahnhof ist immer eine Parallelwelt. Abgeschnitten von der Realität, irgendwie so weit weg von allem und gleichzeitig doch so nah. Das wahre Leben spielt sich außerhalb der Gleise ab und nur hier kann man einen Moment einatmen, selbst wenn es schmutzig und hässlich ist. Im morgendlichen Licht der glühenden, kahlen Sonne wirkt der Bahnhof eher wie ein Märchenland, als wie der stinkende und graue Ort, der er eigentlich ist. 10 Minuten ohne Zeit, widersprüchliche Logik, eine Oase der Schönheit in der absoluten Hässlichkeit. Die Blase platzt erst dann, wenn der Zug mit lautem Gedonner einfährt und die Menschen sich an den Ein-und Ausgängen drängen, um einen Platz zu bekommen. Dann beginnt das Leben wieder, dann ist die Magie der 10 Minuten vorüber und alles, was bleibt, ist der Gedanke an den nächsten Morgen in 10minütiger Harmonie.

3.11.13 17:35


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